Klezmer


Über Klezmer
Georg Brinkmann


"Jede Volksmusik ist schön, aber von der jüdischen muß ich sagen, sie ist einzigartig! Sie ist so facettenreich, kann fröhlich erscheinen und in Wirklichkeit tief tragisch sein. Fast immer ist es ein Lachen durch Tränen."
Dimitrji Schostakowitsch


Vorgeschichte
Manchmal gefiel Gott seine Schöpfung sehr. Eva beispielsweise gefiel ihm so gut, dass er mit ihr tanzte und sang, bevor er sie zu Adam führte. So berichtet der Talmud. Und so blieb den Juden Instrumentalmusik, die sie sich nach der Zerstörung des Tempels in der Synagoge verboten hatten, zu Freudenfeiern erlaubt.

In der Synagoge hingegen sang der khasn. Seine Gesänge stellten eine Einheit von Gebet, Sprache und Musik her. Die hebräische Schrift mit ihren Auslassungen und Akzenten las er dazu wie eine Notenschrift und die verwendeten Tonskalen waren nach dem Beginn liturgischer Passagen benannt. Diesen Gesang mit kunst- und ausdrucksvollen Verzierungen zu gestalten, machte die Kunst des khasn aus. Der Gesang sollte in die Seele dringen und sie für die heilige Lehre öffnen.

So auch im Osten Europas, wohin viele der bis dahin als sogenannte „Ashkenazim“ in Deutschland und Frankreich lebende Juden im 14. Jahrhundert vor Pogromen und Vertreibungen durch die „Ritter“ der Kreuzzüge, wegen der Schuldzuweisung für Epidemien u.a.m. flohen. Vor allem polnische Herrscher gewährten ihnen religiöse Freiheit und einen damals einzigartigen Schutz vor Diskriminierung. Aber auch in Gebieten beispielsweise der Ukraine, Rumäniens und Russlands lebten sie und wenn sie dies auf dem Land taten so meist im sogenannten „shtetl“.
In diesen jüdischen Dorfgemeinschaften hatten Juden ab der Mitte des 17. Jahrhunderts relativ großzügige (wenn auch schwankende) Autonomie. Ende des 18. Jahrhunderts schuf der russische Zar, einhergehend mit neuen Lebenseinschränkungen wie der Verpflichtung zum bis zu 25jährigen Militärdienst, einen sogenannten "Ansiedlungsrayon" für die Juden. Dieses Gebiet über Gebiete Polens, Russlands und Bessarabiens wurde damit zwangsläufig zum Hauptwohnsitz der Ostjuden, die am Ende des 19. Jahrhunderts 70 % der gesamten Judenheit stellten. Die geographische Lage, die kulturelle Umgebung und das dichte jüdische Zusammenleben hatte starke Auswirkungen auf die Musik.


Im shtetl
Im shtetl lebte die jüdische Bevölkerung weitgehend unter sich. Das meist sehr arme Leben spielte sich zwischen Handwerk, Marktplatz und Thoraschule ab, abhängig von der Einstellung der jeweiligen Landesfürsten und innerhalb einer Umgebung, deren Misstrauen rasch in Feindseligkeit und Gewalt umschlagen konnte.
Hier entwickelte sich spätestens die spezifische ostjüdische Kultur, und auch durch die jiddische Sprache zu ihrer endgültigen Form, mit der sie ein reiches Werk an Literatur, Theater und Liedern schuf..

Aus den Musikanten und musikalischen Bräuchen der mittelalterlichen Ashkenazim entwickelte sich hier die Klezmermusik als Fest- und Ritualmusik der Shtetl-Gemeinschaft. „Klezmer“ bedeutete zunächst - aus den hebräischen Begriffen „kley“ und „zemer“ hergeleitet – „Werkzeug des Liedes“ und meinte damit das Musikinstrument. Später wurde der Begriff auch für den Musiker verwendet (Mehrzahl: „klezmorim“), bis der Musikethnologe und Feldforscher Moshe Beregovski den Begriff "klezmer" 1937 zu dem Begriff für die Gattung machte und Giora Feidman ihn Ende des 20 Jahrhunderts popularisierte.

Klezmorim spielten auf weltlichen Festen. Das wichtigste dieser Feste, die jiddische Hochzeit, muss von einer Feierkraft gewesen sein, die heutzutage kaum vorstellbar erscheint.
Instrumentalmusik war auf Hochzeiten nicht nur erlaubt, sie war Pflicht, um das Brautpaar glücklich zu machen. Sie war so wichtig, dass wenn in einer Stadt die Klezmermusik durch die Obrigkeit verboten, die Hochzeit in eine andere Stadt verlegt wurde. Neben der Tanzmusik waren die Klezmorim auch rituell eingebunden.
Mit „Dobriden“ und „Mazltov“ wurden am Hochzeitsmittag die Gäste begrüßt. Später wurde die Braut zum „kale bazetsn“ auf den Brautstuhl gesetzt. Der Badkhn (eine Art Zeremonienmeister) hob zu moralischen Liedern an, erinnerte an Tod und Vergänglichkeit, alle gerieten in lautes Weinen und Wehklagen, die Braut wurde eindringlich zur Reue aufgefordert, die Toten wurden aufgerufen, um Vergebung der Sünden gefleht.
Zum „kale badekens“ verschleierte der Bräutigam seine Zukünftige. Der „freylekhs tsu der khupe“ begleitete das Paar zum Traubaldachin, wo die Trauungszeremonie ohne Musik stattfand.
Wenn der Bräutigam zum Abschluss ein Glas zertrat, führte die Kapelle das Paar mit einem „freylekhs fun der khupe“ zum Festsaal, die Gäste tanzten mit „Hoch!“ und „Mazltov!“ vor dem Brautzug; Scherben und schrille Musik vertrieben die bösen Geister.


Tanz bis in den Morgen
Die klezmorim spielten nun bis in den Morgen zum Tanz, gaben aber auch moralische nigunim, die an die Vergänglichkeit und die höheren Mächte erinnerten. Zu ihrer besonderen Kunst gehörte es, die Musik in die Beine der Gäste fahren zu lassen und sie zum Tanzen zu bringen, aber auch durch ihre spezifischen Verzierungen die Musik zum Sprechen zu bringen. Der „Mitsve tants“, bei dem die Braut spät in der Nacht mit allen männlichen Gästen durch ein Tuch verbunden tanzte, war eine religiöse Pflicht (eine „Mitsve“). Zum beginnenden Morgen erklangen Abschiedstücke; „a gute nakht“, „es toygt shoyn“ und besonders der Abschiedsgruß „zay gezunt“. Wichtige Gäste wurden mit einem „gasn nign“ auf die Straße oder heimgeleitet.
Dieses Fest konnte eine Woche oder länger andauern!

Ob Gott dies alles geahnt hat, als er Eva zum Tanz lud?
Und ob er geahnt hat, dass die klezmorim trotz dieser eminent wichtigen Stellung, trotz ihrer Funktion als unerlässliche Begleiter der Riten des Übergangs, als Vertreiber der bösen Geister, als magische Erwecker von Gefühlen – dass sie trotz alledem über den Status der Schnorrer meist nicht hinauskamen, oft noch andere Berufe ausübten und viel umherfahren mussten?
Wanderer zwischen den Welten waren sie auf den Landstraßen, zwischen jüdischen und nichtjüdischen Festen, aber auch zwischen magischen Welten und sehr sehr weltlichen. Und zwischen den Genres, die spezifisch jüdische waren, aber auch solche, die von den umgebenden Ländern übernommen oder vermischt waren.


Musikalische Kennzeichen
Eine Klezmerfamilie hatte eine lange Tradition, in der der Vater dem Sohn mit dem Instrument auch das Repertoire und seine besten Tricks und Verzierungen beibrachte. Denn wesentlich für einen guten Klezmer war seine Verzierungs- und Improvisationskunst.
Das kantorale Lamento, das Kippen des Charakters und die Mikrovariationen des synagogalen Gesanges gingen als expressive Gestaltungsmittel in die Klezmermusik ein. Triller gegen das Metrum, Triolen, das nie ganz „exakt“ - rhytmische Spiel, chromatische Durchgangstöne, ungewöhnliche rhythmische Muster, Rubati, starke Vibrati, Verschleifungen und Melismen, Triller oder das Schluchzen („krekhtsn“) – all das, woran jeder auch heutzutage Klezmermusik sofort „erkennt“, ist von diesem kantoralen Ursprung nicht zu trennen. Sie machen das Spezifische der Klezmermusik aus, die sich in Formen und Stilistiken mit anderen osteuropäischen Musiken vermischt hat.
Auch die verwendeten Skalen entstammen der Synagogalmusik der Text-Musik-Einheit und behielten deren den liturgischen Passagen zugeordneten Namen.

Weil alle Spieler nach ihrem Gusto verzierten, entstand eine traditionell heterophone Musik mit der Ästhetik entsprechenden Dissonanzen. Es gab kein in unserem Sinne durchgehendes Metrum, sondern das „Spielen mit dem Metrum“ war die Kunst, es gab keine fixierten Melodien oder Stücke, sondern nach dem Baukastenprinzip zusammensetzbare Phrasen, denen man folgte. Einer der führenden Klezmermusiker und –Forscher, Joshua Horowitz beschreibt dies so: „Klezmermusik ist wie die jüdische Unterhaltung - alle reden gleichzeitig. Der Unterschied ist, dass wir aufeinander hören und grundsätzlich dasselbe sagen. Das ist Heterophonie.“
Dabei gab es eine enorme Vielfalt von rhytmischen und phrasierungsmäßigen Feinheiten, die die modernere Entwicklung nicht überlebt haben.
Tsimbl, Geige und Kontrabass waren die traditionellen Hauptinstrumente, der Geige wurden magische Kräfte zugesprochen, wenn sie das Herz zu rühren vermochte. Klarinette und Blechblasinstrumente kamen erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Spieler in den Militärkappellen gedient hatten.

Auf den Hochzeiten wurde die Form des jeweiligen Stücks improvisiert. So konnte ein Stück gut 30 Minuten und länger dauern, wenn die Stimmung der Tänzer danach war. Mit dem Tempo zu spielen, durch improvisierte Einschübe ein Stück anzureichern und die Stimmung damit anzufachen und die stilsichere Art und Weise Verzierungen einzusetzen machten einen guten Klezmer aus.

All dies lernten die Klezmorim aus familiärer Tradition – meist ohne Noten, durch Vor- und Nachspielen und ihre Stücke und Genres verbanden sie über große geographische und nationale Distanzen.
Ihr Repertoire speiste sich aus unterschiedlichen Quellen, es gab das Kernrepertoire von Stücken ostjüdischen Ursprungs zum Tanzen oder zu den Hochzeitsriten, das Mischrepertoire mit klezmerisierten Stücken anderen Ursprungs, Tänze aus den umliegenden Ländern, die übernommen wurden und zum coterritorialen Repertoire zählen, sowie die Paartänze aus West- und Zentraleuropa, die das cosmopolitsche Repertoire bilden.

Klezmermusiker waren dabei nicht nur wechselnden behördlichen Auflagen und Steuern unterworfen, sondern organisierten sich auch selbst in Gilden, die unter anderem eine interne Versicherung hatten und die regionalen Spielrechte bestimmten.


Die neue Welt
Neben Veränderungen der Shtetl-Kultur durch die zunehmende Verstädterung kam es Ende des 19. Jahrhundert durch Staatsverschiebungen und neuem Antisemitismus zu großen jüdischen Auswanderungswellen in die USA.

Vollkommen andere Lebensumstände in Amerika, vor allem dem Hauptziel New York (z.B. Wohnungen, die keine wochenlangen lauten Feste erlaubten) und Assimilierungbestrebungen der Immigranten veränderten auch die Musik enorm. Die traditionellen Hochzeitsbräuche gingen mehr und mehr zurück. Alleine für die erblühende Schallplattenindustrie wurden die Stücke auf Schellacklänge gekürzt (womit erst die Idee eines einzelnen Stückes enstand) die Besetzungen für bessere Aufnahmemöglichkeiten verändert (was die Bläser gegenüber den Streichern bevorteilte), Verzierungen und Improvisationen gingen zurück, die Stücke wurden fern vom Ballsaal und beeinflusst durch den Swing auch in durchgehendem Tempo gespielt.

Die amerikanische Tanzmusik, Charleston und Foxtrott, Ragtime, Swing und Jazz wurden auf Festen gewünscht, die Musiker spielten auch in Orchestern, anderen Bands und in den populären jiddischen Theatern. Die Klänge der „alten Welt“ verblieben mehr und mehr auf den Treffen der jüdischen Landsmannschaften, auch die Vielfalt der Genres wurde stark reduziert – zunächst auf die Tanzstücke und später fast nur noch auf den Bulgar. Klezmerstars ihrer Zeit waren die Klarinettisten Dave Tarras, Naftule Brandwein, Leon Schwartz und andere, auch Leiter großer Bands. Ein Einwanderungsstop 1924 schnitt die bereits ausgewanderten Klezmorim zusätzlich von ihren Wurzeln ab. Radio und Theatermusik, auch der Big Band-Stil veränderten in kurzer Zeit die Tradition enorm.

Währenddessen wütete in Europa die Shoah: Deutschland vernichtete das osteuropäische Judentum, zerstörte dessen Lebenswelt und Kultur und tat alles, um auch dessen Spuren aus der Landschaft und dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen. Was an Lebensform im Shtetl, an jüdischem Leben in den Großstädten und an kultureller Vielfalt (nicht nur) in Osteuropa bis dahin gelebt hatte, war nach Kriegsende nicht mehr da.

Mit der Staatsgründung Israels galt Klezmer als ebenso antiquiert wie das mit Demut, Aberglauben und Schwäche assoziierte Ostjudentum. Trotz der nach der Shoah vermehrt in die USA auswandernden, teils chassidischen Ostjuden blieb Klezmermusik dort ein kulturelles Randgebiet, war für die Musiker sogar ein Schimpfwort. Die letzten Zeitzeugen der ostjüdischen Klezmerzeit starben aus und die Musik erlebte bis in die 50er Jahre ihren Niedergang. Die nachfolgenden Musiker wandten sich dem Jazz zu, die jiddische Musik rutschte mehr und mehr in die nostalgische Ecke einer untergegangenen Welt.


Das Revival
Junge jüdisch-amerikanische Musiker wie Michael Alpert, Alan Bern, Zev Feldman, Joel Rubin, Henry Sapoznik, Pete Sokolow, Andy Statman und andere entdeckten in den 70er Jahren ihr Interesse an der Musik ihrer Väter und Großväter. Von einer allgemeinen amerikanischen „roots“- Bewegung ausgelösten Suche nach der eigenen Identität entstand an verschiedenen Plätzen der USA gleichzeitig das legendäre Klezmerrevival und verhalf der Musik zu neuer Blüte. Die Musiker erlernten die Musik direkt von den letzten in New York lebenden „historischen“ Vertretern wie Dave Tarras oder Shloimke Beckerman sowie über das Erforschen historischer Aufnahmen.
Sie gründeten mit großem Engagement Bands, Vereine, Archive und Institute, veranstalteten Festivals und workshops wie das legendäre klezcamp und stießen damit auf ein öffentliches Interesse, das sie selber am meisten überraschte.
Die größte Klezmerszene und -bewegung besteht heute in den USA. Im jährlichen New Yorker Klezcamp unterrichten die Revivalisten nachwachsende Musiker aus aller Welt.

Die Szene spaltete sich in zwei Gruppen:
Die Traditionalisten spielen den traditionellen Klezmerstil, erforschen alte Instrumente und Spielpraktiken und vertreten in ihren extremsten Formen die Ansicht, dass Klezmermusik eine vergangene Stilrichtung ist.
Die Erneuerer vertreten die Ansicht, dass die Klezmermusik weiterentwickelt werden muss und die Elemente des traditionellen Stils als Grundlage für eine neue Musik verwendet werden sollen. Dafür werden Jazz, Rock, Klassik und nichtjüdische Stile der osteuropäischen Musik beliehen und neue Stücke komponiert.
Andere häufig jüdische Musiker suchen in einer experimentellen Musik von Klezmer und anderen Quellen ausgehend, die jüdische Essenz der Musik zeitgemäß zu entwickeln.

Mit der Öffnung des ehemaligen Ostblocks sind in den 90er Jahren verschollen geglaubte Aufnahmen von musikalischen Feldforschern auf Wachsplatten in den Archiven wieder aufgetaucht, die derzeit in New York, St. Petersburg und Potsdam untersucht werden und die zu den Shellackplatten der amerikanischen Klezmorim eine noch frühere und den Wurzeln nähere Quelle erhoffen lassen.

Klezmer als world-music
Das Interesse an Klezmer wie auch die seit Jahren wachsende Klezmerszene sind nicht frei von inneren Widersprüchen. Eine ursprünglich ritualisierte Tanz-, Fest- und Besinnungsmusik wird heute meist konzertant vor zahlendem und sitzendem Publikum geboten. Die Verzierungen, die spezifischen Rhythmen und Improvisationen werden nicht immer gelernt, so dass man oft bezweifeln kann, inwieweit es eine Fortführung der echten Klezmermusik gibt. Kritiker bemängeln, dass neben der falschen Vortragspraxis oft künstliche Emotionalität und verniedlichend-witzige Präsentation geboten wird. Wo sich der Zuhörer früher an gekonnten Mikroverzierungen ergötzte, wird er heute zum „Liebhaber einer Einfachheit, die nie existierte“ (Ottens).

In einer Zeit, in der Musik ein weltweit vernetztes Kulturgut geworden ist und geographisch und epochal begrenzte Räume von symbolischen Räumen abgelöst werden, ist auch Klezmer Teil der internationalen world-music-Szene geworden. Einerseits stehen hier Bestrebungen, der kulturellen Globalisierung duch Bewahrung von Gefühlen des Authentischen wieder eine klarere Identität entgegenzustellen, andererseits ist die Welt auch für Musiker längst zu einer Fundgrube musikalischer Versatzstücke geworden, die Experimentierfelder und Entwicklungen ermöglicht, die in einer kulturell starren Umgebung nie möglich geworden wären. So gibt es Gruppen, die Klezmer mit Free-Jazz- und experimentellen Elementen verbinden, es gibt Klezmer als Hip-Hop und House, in Verbindung mit Balkanmusik, Tango, Flamenco, Salsa, Reggae und vieles mehr.


Entwicklung der Klezmermusik in Deutschland
In Ostdeutschland war Klezmer Teil der sich oppositionell zum herrschenden Kulturbetrieb verstehenden Folkbewegung. Einerseits behinderte der Staat diese Bewegung aus staatlichen Antisemitismus und der Gegnerschaft zu Israel heraus, andererseits gab es aber auch Unterstützung, da Klezmer und jiddisches Lied sich als Teil des Antifaschistischmus verstehen ließen.

In Westdeutschland machte die Gruppe "Zupfgeigenhansel" in den 70er Jahren jiddische Lieder populär, bevor eine Tournee der amerikanischen Revival-Gruppe "Kapelye" zeitgleich mit dem Debut des Klarinettisten Giora Feidman Klezmer populär machte. Feidman wie die amerikanischen Revivalisten fanden in den 80ern und 90ern in Deutschland ein großes Interesse und Publium. In Workshops unterrichteten sie Musiker auf allen Niveaus und es entstand der deutsche „Klezmerboom“ mit starkem öffentlichem Interesse und der Gründung vieler Gruppen.

Deutsche Klezmermusik heute
Deutsche Klezmergruppen gibt es auf professioneller, semiprofessioneller und Laienebene.
Die Musiker sind überwiegend Nichtjuden. Die Auseinandersetzungen um Traditionalisten und Erneuerer finden sich auch hier wieder. Zeitweise gab es auch scharfe Konflikte zwischen zwei Ansätzen, die durch die jeweiligen Vorbilder und Workshopleiter vertreten wurden: einem durch die amerikanischen Vorbilder vertretenen historisch-musikalischen Ansatz und einem durch Giora Feidman verbreiteten spirituellen Ansatz.
Erstere lehren das Studium der Quellen und die Entwicklung der Musik auf der Grundlage ihrer historischen Kenntnisse, letzterer versteht Klezmer als eine Haltung, eine innere Offenheit des Musikers, die er auf jeden Musikstil anwenden könne und damit jede Musik zu Klezmermusik mache.

Die Zuhörer sind bunt gemischt, bestehen aus Interessenten am Judentum, an Jazz, Klassik, Folk und Worldmusik und umfassen alle Altersgruppen. Es überwiegen jedoch Menschen ab 40, meist Angehörige akademischer oder sozialer Berufe. Die starke Neugier an Klezmermusik ist auch Teil eines wiedererwachten umfassenden Interesses an Kultur, Literatur, Sprache und Folklore des aschkenasischen Judentums der Vorkriegszeit – hier nimmt Klezmer wegen seiner großen Beliebtheit allerdings eine Sonderstellung ein.

Die gesellschaftliche Bedeutung deutscher Klezmermusik
Doch ist dieses Interesse umstritten: Klezmermusik ist in kurzer Zeit zu einem „signifier“ für alles Jüdische geworden. Vertreter und Themen des Judentums werden in Audiomedien of reflexhaft mit Klezmerklängen vorgestellt. Klezmer erklingt auf nahezu jeder Gedenkfeier zur Shoah und wird oft als "die Musik Israel" oder "die jüdische Musik" identifiziert.

Das Ostjudentum, für dessen Musik Klezmer – in seiner historischen Fassung – steht, kann aber nicht das gesamte Judentum repräsentieren, die Ostjuden wurden zudem von den deutschen assimilierten Juden Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts als archetypische und abergläubische Vertreter gesehen und nicht sehr geschätzt. Klezmermusik wurde in Deutschland, wenn überhaupt bekannt, nur in kleinen jüdischen Kreisen gemocht oder gar ausgeübt.
Dennoch hört man heute in Deutschland Klezmergruppen auch auf Gedenkfeiern für jüdische Opfer der Shoah, wenn diese einer Berufsgruppe angehörten, bei der man davon ausgehen muss, dass sie es nicht geschätzt hätte, dass diese Musik auf ihrer Gedenkfeier gespielt wird. Auch Israel ist nicht das Land, das sich selber mit Klezmermusik identifiziert.
Klezmermusik, einst Teil eines Teils der jüdischen Kultur, repräsentiert heute in Deutschland - von nichtjüdischen Musikern gespielt - das deutsche Judentum, während die deutsche Öffentlichkeit vom real existierenden Judentum in Deutschland kaum etwas weiß. Es ist verständlich, wenn jüdische Gemeinden und Vertreter des deutschen Judentums diesen Trend sehr kritisch gegenüberstehen.

Eine spezifische Bedeutung hat Klezmermusik im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte: nicht zufällig fiel der deutsche Klezmerboom in den 80er Jahren zeitlich mit der Ausstrahlung des „Holocaust“-Filmes zusammen, der in Deutschland eine breite Auseinandersetzung mit der Shoah in Gang brachte.
Klezmermusik von Deutschen heißt auch: Eine fremde Volksmusik wird von Musikern (und in einem Land) gespielt, deren Vorfahren das kulturelle Umfeld und die Menschen dieser Kultur brutal vernichteten. Nicht wenige Musiker und Hörer versuchen diesen Konflikt zu vermeiden oder instrumentalisieren „deutsche Klezmermusik“ als Zeichen deutsch-jüdischer Versöhnung und zur Entlastung nationaler Schuldgefühle.

Auf diesem Hintergrund hat Klezmermusik eine Sonderstellung in der deutschen Folkszene und kann nicht ohne Auseinandersetzung mit diesem historischen Hintergrund gespielt werden. Für die Musiker bedeutet darum das Spielen dieser Musik auch einen besonderen Respekt vor ihr. Es ist nötig, sich seiner gesellschaftlichen Rolle bewusst zu sein und den eigenen Standpunkt dazu, wie den eigenen Standpunkt zur deutsch-jüdischen Geschichte zu reflektieren.

Neben dem Grad der Professionalisierung gibt es also (nach meiner Erfahrung) auch diese Unterscheidungen in der deutschen Klezmerszene bezogen auf den Zugang zu der Musik:
den folkloristisch-klischeemäßigen Zugang, den Zugang als Instrumentalisierung zur Entlastung von der Shoah, den spirituellen Zugang und den musikalisch-historischen Zugang (welcher Traditionalisten und Erneuer umfasst). Diese sind nicht immer klar voneinander zu trennen und nicht wenige Musiker und Bands durchlaufen in ihrer Entwicklung auch diese Bereiche als Prozess der Auseinandersetzung mit der Musik und Kultur.

Die deutsche Klezmerszene ist unterdessen erstaunlich groß und vielfältig. Viele Musiker bilden sich durch Workshops, Reisen und Arbeit an den Originalquellen weiter und arbeiten damit an einer authentischen Pflege und Weiterentwicklung der Klezmermusik mit. Musiker wie Christian Dawid und Sanne Möricke, Heiko Lehmann und Andreas Schmitges genießen in derweltweiten Szene großen Respekt, spielen in internationalen Bands der Revivalisten und werden als Lehrer auf internationale Workshops eingeladen.


© Georg Brinkmann, 2007

 

Quellen:

Wiltrud Apfeld (Red): „Klezmer – hejmisch und hip“
Ausstellungsdokumentation, Klartext-Verlag, Essen 2004

Max Peter Baumann: „Klezmermusik im Zeichen der Globalisierung“
in: „Klezmer – hejmisch und hip“
Ausstellungsdokumentation, Klartext-Verlag, Essen 2004

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translated and edited by Mark Slobin, Robert A. Rothstein and Michael Alpert
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in: http://borzykowski.users.ch

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Zev Feldman: „Bulgareasca/Bulgarish/Bulgar: The transformation of a klezmer dance genre”
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Joshua Horowitz: „The Klezmer Freygish Shtayger”
unveröffentlichtes Manuskript
Graz 1993

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in: „Klezmer – hejmisch und hip“
Ausstellungsdokumentation, Klartext-Verlag, Essen 2004

Judith Kessler: „Klezmerfreie Zone oder Jewish Disneyland?“
in: „Klezmer – hejmisch und hip“
Ausstellungsdokumentation, Klartext-Verlag, Essen 2004

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Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, Berlin 2000

Albert Lichtblau: „Unter Philosemitismusverdacht: der Klezmerboom“
Berlin, 2007

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in: Neue Zeitschrift für Musik, 3/98
Schott, Mainz, 1998

Rita Ottens: „Fassade des Stimmigen: Jüdische Musik in Deutschland“
In: „Jüdische Musiktraditionen“, 2001

Rita Ottens/Joel Rubin:„Klezmermusik“
dtv, München 1999

Joel Rubin: „Mazltov! Jewish-American wedding music for clarinet“
Schott-Verlag 1998

Henry Sapoznik: „The compleat klezmer“
Tara-publications, New York 1987

Günther Schöller: „Musikethnologische Fragen und Anmerkungen zur Klezmermusik“
Transkription einer Podiumsdiskussion in Weimar 2007 mit Zev Feldman, Aaron Alexander, Alan Bern und Kurt Bjorling
auf www.klezmerlog.de, Wien 2007